Der schönste erste Satz

von Anne

Früher (es ist immer gut, seine Postings omagleich mit einem pathetischen Satzanfang zu beginnen!) habe ich so gut wie jeden Tag ein Buch in der Hand gehabt. Lesen, also das selbstvergessene, zeitlose Lesen um seiner Selbst willen, nachmittags nach der Schule am Küchentisch, im Bett, in der Straßenbahn, war selbstverständlich.

Als ich durch einige mehr oder weniger zufällige Entscheidungen, von denen ich sicherlich mal ein anderes Mal berichte, mit meinem Studium begonnen hatte, war ich natürlich erst einmal viel zu beschäftigt und überrollt von den neuen Eindrücken und Konzepten, die dieses neue Leben für mich bereithielt. Ich musste Leute kennenlernen, abends ausgehen, und trinken, bis der erste unter dem Tisch lag. Meistens war das nicht ich, aber trotzdem war die vorher so vertraute nachmittägliche Ruhe verschwunden. Und außerdem gab es ja viel zu lesen, und mir öffnete sich eine völlig neue Welt jenseits von Hausaufgaben: Fachbücher. Kompliziert geschrieben, methodisch komplex, nicht mit einem Rutsch erfassbar. Und in meinem Fall auch noch ausschließlich auf Englisch. Himmelherrgott. Die Professoren bewarfen uns mit Skripten, Readern und kiloweise kopierten Klausurvorbereitungen, bis ich nicht mehr wusste, wohin mit all dem Papierkram, und beschloss, in meinem vorwiegend mit Bananenkistenmöbeln funktionalen Zimmer mal wieder ein richtiges Regal unterzubringen. 

Bis hierher hatte ich gewohnt wie ein Handlungsreisender, und mich ein bißchen auch so gefühlt. Und dann wurde mir klar, was ich durch mein neues, hektisches Leben vermisst hatte. Ein Bibliotheksausweis war es, der mir die Glückseligkeit der beinahe unbegrenzten freien Auswahl bereithielt. Die plötzliche Endlosigkeit, die ich beim Anblick der zum Glück gut bestückten Bibliothek verspürte, wurde nur von einer Frage bestimmt: wie sucht man sich ein Buch aus, unter all diesen eventuellen Schätzen? Ich gehe eigentlich meistens nach einer Formel vor: Der erste Satz muss stimmen. Er muss mich mitreißen, er muss mir gleich die Stimmung des Buches verraten, muss mich gleich fragen lassen: „Und was ist dann passiert?! Sag, sag, sag!“

Das ist natürlich nicht ungefährlich. Wie viele effekthascherische Bahnhofsliteraturautoren sich dieser Technik bemüßigt haben, will ich eigentlich lieber gar nicht wissen. Ähm, Bahnhofs-was? Wissenschon, diese Softcoverbücher von Autoren, von denen noch nie jemand gehört hat, aber das Cover hat ein mysteriöses Etwas vorne drauf, der Untertitel (Entschuldigung, welches ernstzunehmende Buch hat den  Untertitel wie ein Sat1-Blockbuster?) erklärt,was der oft nichtssagende, aber unheilschwangere Titel wie „Am Morgen bist du tot“ nicht genug erklärt. Und wenn das noch nicht als Kaufanreiz reicht, wird ein animierender Aufkleber a la „Gänsehautgarantie“ oder „Zum totlachen witzig!“ draufgepappt. Irgendein lang gehütetes Familiengeheimnis kommt ans Tageslicht, und eine starke, aber unglückliche Frau macht sich an des Rätsels Lösung, um dann in tödliche Gefahr zu geraten. Kennt man. Meistens findet man solche Bücher in Kostenlos-Kisten am Straßenrand, was nicht unbedingt auf deren dringende Verbreitungswilligkeit schließen lässt, sondern dass das Druckerzeugnis dem Käufer nicht einmal der Platz im Regal wert war, es aufzuheben.

Es gibt zum Glück ja aber auch Geschichten, deren bloße Grundstory so fesselnd ist, dass sowohl das Aussehen als auch der Titel als auch die Aufmachung egal sind. Der erste Satz reißt einen mit, so dass man schon beim Verlassen der Buchhandlung mit der Nase im Buch steckt. Das erste Mal ging es mir so, als wir im Deutschunterricht Kafkas Verwandlung lesen sollten. Ich musste mir eines dieser unsagbar hässlichen Hamburger Lesehefte besorgen, damit alle Kinder im Unterricht auf der gleichen Seite mitlesen können. Ich schlug das braune Heftchen also auf, und der Nachmittag prompt vorbei. Das nächste, woran ich mich erinnere: Ich lag im Dämmerlicht leicht angeekelt, aber fasziniert in meinem Kinderzimmer und spürte die Nachwirkungen dieses Flashs, der mich umgeworfen hatte. Was für eine irre Idee, die er hier mit schmerzhafter Realität kreuzt.  Jetzt bin ich, zugegebenermaßen anstatt mir Fachbücher für die Abschlussarbeiten auszuleihen, noch einmal über die Geschichte gestolpert, (History repeating, haha.), und zwar in Form einer sehr hübschen Graphic Novel aus dem Knesebeckverlag.

Wie so viele Bücher, die man später noch einmal in die Finger bekommt, interpretiert man sie anders, als man es früher gelesen hätte. Jetzt fiel mir die Hektik und die absolute Diensteifrigkeit auf, die der Protagonist an den Tag legte, um allen Anderen zu gefallen und in schönster neoliberalistischer Manier aufopferungsvoll auf seinen körperlichen Zustand zu pfeifen, um den Chef nicht aufzubringen. Der steht nämlich schon nach wenigen Minuten vor der Zimmertür und brüllt herum, was ihm den einfalle, zu verschlafen oder gar krank zu sein, das könne man sich nicht leisten,und überhaupt, was solle denn die Familie denken, er solle doch sofort zur Arbeit erscheinen, sonst setzt es was. Und Gregor, der Käfer, hat sich noch immer nicht für den Grund seiner neuen Erscheinung beschäftigt und wird dies auch bis zum Ende der Geschichte nicht tun. Sein eigentliches Elend ist, dass er nicht mehr funktionieren kann, so dass die Familie ihn ausschließt und er schließlich einsam stirbt, während die restliche Familie, die sich schließlich gegen ihn verschworen hat, metaphorisch zum Ende hin wenig subtil, fröhlich in den sonnigen Tag hineingeht, weil er ihnen nun nicht mehr auf der Tasche liegen kann. Diese Entwicklung konnte ich damals natürlich nicht am ersten Satz ablesen. Mit jeder Seite wird aber klar, wie hoffnungslos die Lage für den Protagonisten ist, und dass es keine für alle annehmbare Lösung oder zauberhafte Rettung geben kann.

Wenige Texte vermögen es, eine derartig deutliche und noch immer schmerzhaft aktuelle Gesellschaftskritik in eine horrorartige Geschichte zu verpacken.Und sicherlich wurde nicht umsonst der zweite Preis für den ‚Schönsten ersten Satz‘ im Jahr 2007 an eine Geschichte verliehen, die mittlerweile 101 Jahre alt geworden ist. Und mich hat sie noch immer mitgerissen und verängstigt.

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