Darüber spricht man nicht!

von Anne

Eine gute Woche ist sie nun her, die Bundestagswahl. So einiges ist ja nun schon einiges geschrieben worden zum Ergebnis, daher gehe ich mal davon aus, dass hier soweit alle Bescheid wissen, was im Großen und Ganzen passiert ist. Nachdem wir alle mit einer gewissen Häme den Neoliberalisten beim endgültigen Versinken in die Lachhaftigkeit (Guidomobil!) (btw: wer wird jetzt eigentlich Außenminister?) und schließlich in die Bedeutungslosigkeit (die Witze vom verhinderten Kabarettisten P. Rösler) zugesehen haben, haben wir uns nun langsam wieder beruhigt und erwarten nun- ja, was eigentlich? Ein Ergebnis, mit dem man einigermaßen leben kann. Ein möglichst geringes Übel, sozusagen. Diesen Ausspruch habe ich in diesem Jahr so oft gehört wie nie zuvor.

Natürlich mag das an meinem gesteigerten politischen Interesse liegen, nicht zuletzt, weil in meinem engsten privaten Umfeld über kaum etwas mehr geredet und gestritten wurde als die Bundestagswahl. Alle jedoch waren sich insofern einig, dass die Wahl einer Partei, die die Eigeninteressen mehr oder weniger glaubwürdig vertritt, besonders schwierig werden würde. Und wenn der sonst so nützliche Wahlomat Fragen in doppelter Verneinung stellt, um letztendlich mit dem Ergebnis herauszurücken, dass die Mehrheit der in Vollzeit bezahlten Berufspolitiker mit jahrzehntelanger Erfahrung im Bundestagsalltag allesamt unwählbar scheinen und ich mich doch lieber mit einer Satirepartei zufrieden geben soll, komme ich nicht umhin, mich in dieser Hinsicht ein wenig zu sorgen.

Denn das Ergebnis fühlt sich für mich nicht so an, wie es überall in den Zeitungen steht: alles wird gut, wir haben die Starken gewinnen lassen, weil die Kleinen ohnehin nur Blödsinn verzapfen, sich ohnehin irgendwann selbst demontieren oder von den Medien so weit nach unten sortiert werden, dass sie kaum mehr irgendwo auftauchen. Es gibt sogar einige sehr gut recherchierte Statistiken, die genau diesen Trend nachweisen.

Was davon medientechnisch zu halten ist, kann ich an dieser Stelle nicht ausreichend kommentieren. Ich hoffe jedoch, dass hier noch einiges passiert. Denn egal, was wo steht: es fühlt sich nicht gut an. Selbst jetzt, wo die großkotzigen kleinen Jungs mit dem Geschrei von der Marktwirtschaft und dem Leistungsprinzip erstmal (?) baden gegangen sind: Der Gedanke ist in der Welt, und ich glaube, das bleibt jetzt so. Platt gesagt: Alle sehen, wie sie zurande kommen, und wer erster ist, hat gewonnen, alle anderen sind Träumer und Kommunisten.

Ich sehe das ganz gut an den Äußerungen meiner Eltern. Ich bin ein klassisches Wendekind (Einschulung 1991), meine Eltern sind einigermaßen ostsozialisiert, wenn auch, soweit ich das mitbekommen habe, kaum parteipolitisch indoktriniert worden. Meine Mutter ist Pfarrerstochter, mein Vater arbeitet in der Kirche, daher ist ein gewisser Abstand zu dem System natürlich nachvollziehbar

Beide haben sich auch nach der Wende mit gewisser Skepsis immer ein bißchen rausgehalten aus politischen Diskussionen, weshalb ich auch erst relativ spät mit diesen Themen in Berührung kam, mich selbst empörte, dann ängstigte und schließlich einigermaßen wiederfand: Sozialpolitik, Mindestlohn, die Bereitschaft, über die Verteilung der Vermögen und die Arbeitssituationen in diesem Land zumindest nachzudenken, was auf lange sicht hoffentlich ein weniger ellenbogenartiges Denken hervorruft.

Um genau zu sein: Ich habe dieses Jahr mit vollem Bewusstsein die Linke gewählt. Dass ich das vorhatte, habe ich meinen Eltern natürlich auch erzählt, bei einem spätsommerlichen Glas Wein im Garten. Selten zuvor habe ich in derart unverständliche Gesichter geschaut. Meine Mutter würde sich eher die Hand abhacken, als ein Kreuz bei der Partei zu machen, mit der man nicht spielt. Schmuddelkinder, bestenfalls oppositionelle Schreihälse. Ob ich als Historikerin es nicht besser wissen müsste, fragte sie. Und ob ich denn nicht langsam aus der jugendlichen Trotzphase heraus sein müsste, der Realität ins Auge sehen, blablabla. Also nicht, dass das hier falsch rüberkommt. Ich habe meine Eltern sehr gern, und ich kann sicherlich nur ansatzweise nachvollziehen, wie tief die Angst und das Unbehagen sitzen muss, mit dem sie aufgewachsen sind. Und natürlich weiß ich Bescheid über den Psychoterror der SED. Trotzdem ist dieses Argument an dieser Stelle nicht nur hochgradig anachronistisch, sondern auch unsinnig.

Hätte sich meine Mutter das Parteiprogramm angeschaut und den jüngeren Sprechern einmal genauer zugehört, würde sie sicherlich anders argumentieren. Dass gerade jemand wie Gysi so laut ist, ist sicherlich zwiespältig. Dennoch besteht die Chance, dass auch er dazugelernt hat nach 1989. Doch sowohl sie als auch die Berichte, die ich regelmäßig lese, sehen das anders.

Aber nun sind die Wahlen durch, und: die Linke ist im Bundestag. Mit mehr Stimmen, als ich erwartet hatte. Und nun will vorraussichtlich wieder  niemand mit ihnen spielen. Aber wieso? Den Überwachungsstaat, der in weniger technologisierter Form schon in der DDR herrschte, haben wir ja trotzdem, wie wir nur wenige Monate zuvor sehr schön präsentiert bekommen haben. Und den viel propagierten Sozialstaat der DDR, in dem es angeblich keine Arbeitslosen gab (was übrigens auch so nicht ganz richtig ist), die Kindergärten und Polykliniken noch funktionierten und die Wohnung nur 80 Mark kostete, der von Ostalgikern mit einem „es war ja nicht alles schlecht“- Hundeblick vehement verteidigt wird, hätten wir wahrscheinlich schon einigermaßen erhalten können, nur wurde der in den letzten Jahren schön langsam abgeschafft. Also: Worst of both worlds. Wie das funktioniert, können wir uns sehr schön am Beispiel Großbritannien angucken. Nämlich nicht so gut.

Und nun? Ich kann nur hoffen, dass das gesellschaftliche Denken sich vielleicht doch ein wenig weiterbewegt als bis zum nächsten ängstlichen Blick aufs Konto oder auf den Terminplan. Und dass sich die Partei, in die ich meine Hoffnungen setze, endlich mal zusammenreißt, das alte Personal auswechselt, um auch meinen Eltern mal endlich die Angst zu nehmen, sie würden sich mit einer Bande vorteilsgeiler Egoisten mit Sozialfassade und entsprechender wendehalsiger Entourage in ihrem Land gefangen sehen. Denn das hatten wir die letzten acht Jahre schon. Danke, es reicht.

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