Überall ist Entenhausen.

von Anne

Ich besitze, so etwa seit ich das lesefähige Alter erreicht habe, einen Leihbibliotheksausweis einer entsprechenden Zweigstelle der Stadtbibliothek. Natürlich suche ich diese auch regelmäßig auf, vorranging, um säumige Gebühren zu begleichen oder mir wichtige Unterlagen für meine Recherchen zusammenzustellen. Der hauptsächliche Grund jedoch ist hierbei, neben dem zugegeben beeindruckenden DVD-Eldorado in sämtlichen Sprachen, die ich nicht oder nur unzureichend spreche, vor allem eins: Die Comics! Und zwar die richtigen, nicht diese ultraamerikanischen Heldenepen mit Figuren, von denen noch nie jemand etwas gehört hat, oder diese Ungetüme voller wirrer Schraffuren und glubschäugiger Mädchen mit merkwürdigen Proportionen, die einen zuerst einmal vor die intellektuelle Aufgabe stellen, in welcher Reihenfolge man die Bilder anguckt und sich bei jedem Umblättern vertut. Nein, ich meine den Klassiker schlechthin, mit den redenden Enten und Hundemenschen, ihr wisst schon: Wilkommen in Entenhausen, dem Land der ewigen Fünfziger. Die idyllische Welt mit den einfachen Strukturen, mechanischen Geräten und dem immerguten Wetter hat mich so derartig geprägt, dass es mich heutzutage sehr verstört, wenn dort einmal ein Handy oder ein Computer auftaucht. Dabei sollen die in Entenhausen jetzt sogar Internet-  Verzeihung, Enternet haben. Hm.

Aber zuerst weiter in der Odyssee. Zwar weiß nicht, in welcher Kategorie der Dewey-Dezimalklassifikation der durchschnittliche deutsche Bibliothekar diese Form der Literatur einordnet, aber in den meisten Fällen war dies bisher die Kinderbibliothek. Was in Berlin echt kein lustiges Unterfangen ist. Als beinahe einziges Lebewesen über 1,30m versuche ich mich durch die knallbunten Regale und zugförmige Sitzgruppen hindurchzumogeln, ohne dabei besonders grimmig und kinderhassend auszusehen. Leider  werde ich dadurch automatisch Mittelpunkt des Interesses, und noch bevor man die Holzkästen mit den wild durcheinander gewordenen Stapeln (und da sage nochmal einer, Bibliotheken hätten ein System, das soll wohl’n Witz sein!) mit einigermaßem kundigem Auge durchpflügt hat, steht irgendeine Mia oder Lena oder Thorben neben einem und guckt mit großen Augen zu. Zwischen den seit 1993 sicher nie wieder ausgeliehenen Prinz-Eisenherz-Heften und den völlig zerfledderten und notdürftig reparierten Asterix- und Isnogud-Resten hat irgendein trantütiger Bibliothekar garantiert jedes Mal eine Sammlung von Sexwitzbüchern, die  neueste Ausgabe von Uli Stein oder das Gesamtwerk von Art Spiegelman geworfen, auch Splattercomics kann der aufmerksame Fünfjährige hier bestaunen. Aber das ist ja alles nicht, was ich suche. Ich verstecke die schlechtgezeichneten Bilder von Frauen mit skurrilen Brüsten vor dem Kind und schnappe mir die nächstbesten Nummern des Gesamtwerkes von Carl Barks. Wenn ich Glück habe, ist sogar noch ein anderer seltenerer Zeichner dabei. Die nächste Hürde kommt dann an der Ausleihtheke, wenn ich versuche, zwischen der Literatur über den Kalten Krieg und einigen sozialpsychologischen Werken den mindestens doppelformatig größeren und deutlich bunteren Stapel zu tarnen. Schlimmer war das nur, als ich darauf angewiesen war, der langsamen Anschaffungsperiode der Stadtbibliothek meiner Heimatstadt zu entkommen und beschloss, mir von meinem kompletten Taschengeld monatlich die neuesten Ausgaben des Opus vom hochverehrten Zeichner Don Rosa anzuschaffen. Leider gab es nur eine größere Buchhandlung und ich war mitten in der Pubertät, wo selbst der Kauf eines Deodorants tagelange moralische Vorbereitungen bedeutete. Ich hatte mir schon vor dem Betreten des Ladens eine Variation an Ausreden überlegt,die ich zur Not anbringen konnte. Glücklicherweise fragte mich nie jemand danach, aber ein lässiges „ich schneie hier nur mal so vorbei und kaufe das als Geschenk für meinen kindischen kleinen Bruder“ hätte ohnehin nie funktioniert, da die Buchhändler nie auf Anhieb fanden, was ich wollte, und ich nur mit genaueren Beschreibungen wie „Da ist vorne eine Ente drauf, die gerade einen Geldsack trägt“ weiterhelfen konnte. Tarnung aufgeflogen. Aber ich hatte, was ich wollte! Meterweise zierten damals die Buchrückenverzierungen der Lustigen Taschenbücher unsere Regale, und ich konnte sogar mit Geschichten auftrumpfen, die historisch und zeichnerisch korrekt waren! Mehr als einmal hatte ich in der Schule Aha-Erlebnisse dank der duckschen Abenteuer. Leider konnte ich mich dabei nie melden, wil ich nie so ganz sicher war, welcher Teil davon real war und welcher aus dramaturgischen Gründen dazuerfunden wurde. Fest steht jedoch: Ich lese bis heute mit Vorliebe Donald-Comics, Ich würde mich damit auch eher in den Bus oder die Bahn trauen als manch andere Zeitgenossen, die ungeniert die Zeitung mit den vier Buchstaben auspacken, denn im Gegensatz dazu kann man hier wirklich was über die Gesellschaft lernen.

Zum Beispiel: Kapitalismuskritik. Immer wieder. Man kennt das, Onkel Dagobert hat eine neue Geschäftsidee, übertreibt es damit, landet auf der Nase, und am Ende ist alles am Besten so, wie es vorher war. Durch den Konsens der Gesellschaft, immerhin. Auch in die Politik (der Bürgermeister ist nicht nur bei Bibi Blocksberg bestechlich, by the way), die prekäre Unterschicht (Panzerknacker) und in die Lebenswelt von Alleinerziehenden bekommt man Einblicke. Hat eigentlich jemals einer rausgefunden, was mit den Eltern von Tick, Trick und Track passiert ist? Und wieso Daisy ganz offensichtlich eine Borderlinestörung hat? Vielleicht lässt sich das alles ja mal bei einem Besuch bei den Donaldisten klären, die haben immer mal wieder Treffen und Fachvorträge über das Barkssche Universum. Donald hat jedenfalls ein ganz gehöriges Autoritätsproblem, denn er hatte schon mindestens so viele Kurzzeitjobs wie der Sandmann. Aber auch für alle ein gewisses Talent, denn mehr als einmal macht er sich sogar selbständig und ist darin auch wirklich gut. Vielleicht ist er das Vorbild aller Projektemacher von heute, die keine Festanstellung brauchen, um ein interessantes und vielseitiges Leben zu führen. Jedenfalls hat er mich mehr über die Realität gelehrt als so manches ‚anständige‘ Buch. Und dabei hab ich die Übersetzungen von Erika Fuchs noch nicht einmal erwähnt.

Aber vergessen wir hier bitte nicht die dunkle Seite von Entenhausen. Und damit meine ich nicht die Unterwelt mit ihren Verbrechern (die sich komischerweise auch nie zu einer Supergang zusammenschließen, sondern es vorziehen, mit Brecheisen irgendwelche Ecken des Geldspeichers einzeln anzunagen), sondern den Klassensprechertyp sondergleichen: Micky. Micky ändert alles. Dem traue ich auch zu, dass er Falschparker anzeigt und sie danach noch über ihr Vergehen belehrt. Ungefragt mischt er sich in die Polizeiarbeit ein, und was arbeitet der überhaupt? Manchmal ist er Journalist, manchmal tatsächlich Detektiv, aber ein Micky würde nie an einer Kasse stehen oder in der Margarinefabrik malochen. (ja, das gibts wirklich. Bei Donald eben.) Doch wollen wir das Gefühlte mal in Fakten gießen. Bittesehr:

Klugscheißermaus

Meine Fresse!

Ich frage mich, ob der Erfinder Walt Disney das damals so angelegt hat. Ich glaube, das war alles ganz anders gemeint. Vielleicht ist auch nur die Übersetzung schuld, und es sollte eine tolle, witzige Geschichte werden. Abgesehen davon, dass die Eingangsszene so gar nichts mit dem Rest der Story zu tun hat und höchstwahrscheinlich bei Donald völlig anders abgelaufen wäre. Und das alles kommt vom guten alten Ehapa Verlag. Aus Stuttgart. Nur mal so nebenbei bemerkt. Danke für diese Lektion in Gutbürgerlichkeit,  du Klugscheißer.

Advertisements