Phantom der Opfer*

von Anne

Mit diesem Text tue ich mich schwer, und das ist keine Koketterie.(und WordPress scheinbar auch, denn es zerschießt mir trotz Formatierung noch und nöcher das Layout. Bitte entschuldigt!)

Seit Jahren schon denke ich daran, eine Brandrede zu schreiben, im halbwachen, nur einigermaßen zurechnungsfähigen Zustand, und dann verwerfe ich es wieder. Dann komme ich mir dumm vor, unorganisiert, planlos und klein. Und dann denke ich, was nützt noch so ein wütender Text, der die Umstände beklagt, denn die Umstände sind doch sowieso immer an allem schuld.

Vor allem, wenn man zu feige ist, sich selbst zur Rechenschaft zu ziehen. Die große Heulerei der Stunde lautet: Ich bin Opfer meiner Umstände, schon immer gewesen. Die Gesellschaft ist schuld, dass ich so bin.

Mit dem reformwütigen Bildungsministerium in einem halbfertig durchdachten, aber immerhin ’neuen‘ Bundesland fängt es an. Wir machen alles neu! Resultat: Ein katholisches Privatabitur mit völlig verqueren Kursen, aber Latein seit der fünften Klasse. Politikunterricht oder sonst etwas realitätsnäheres hatten wir leider nie, dafür kann ich die Apokryphen der Reihe nach aufzählen.

In Geschichte nehmen wir gefühlt vierzehnmal die Französische Revolution und den Zweiten Weltkrieg durch. Für mehr ist aber leider keine Zeit. Beispiel: obwohl wir Tag für Tag fünfhundert Meter Luftlinie von einem ehemaligen Stasigefängnis saßen, waren wir nicht einmal drin. O-Ton der extrem bocklosen Geschichstlehrerin (West): Ihr könnt ja eure Eltern fragen. Voll praktisch, dann kann sie sich das Vorbereiten sparen. Ihr Gehalt kriegt sie ja sowieso. Kann aber auch daran gelegen haben, dass unsere Schulbücher ungefähr von 1987 waren und wahrscheinlich zum Kilopreis aus Baden-Württemberg oder so importiert wurden. Bildung ist Ländersache, hm? Glückwunsch!

Als wir dann nach zwölfeinhalb Schuljahren (Innovativ! Neu! Ihr erinnert euch?) in die Unis gespült werden, geht der ganze Tanz mit dem Bologna-Zeug los. Ich werde zu einer Art Werbeveranstaltung geschleust, bei der man uns den ollen Magister ausredet und die Internationalität des Bachelors anpreist. Wie praktisch, ins Ausland wollte ich auch mal, und die regeln das dann schon. Dass bis dahin kein Professor die klangschönen Studien- oder Prüfungsordnungen wirklich inhaltlich durchschaut hat, darüber will lieber keiner reden. Das wird dann semesterweise ausgebügelt. Da kann schonmal die eine oder andere Verzögerung eintreten, wenn die zur Beschließung des Moduls angebotenen Übungen nur einmal jährlich mit ungefähr 12 Teilnehmern stattfindet. Oder kein Dozent zuständig ist. Weil nie einer da bisher Punkte verteilt hat. Oder was sonst so passieren kann. Blitzschlag, Blitzeis, wissenschon. Höhere Gewalt. Ausland kannste dann auch vergessen, es müssen ja Kurse nachgeholt werden.

Da braucht es nicht mal den berühmten neoliberalistischen Geist, um die stromlinienförmigen Studenten in Angst und Schrecken zu versetzen. Das unrealistisch niedrige Bafög ist auch irgendwann alle, und die Magengeschwüre und die fies verschleppten Grippen von Stress und unterbezahlten meist eher miesen Jobs kriegt man dann schon mit 23 ganz gut alleine hin.

Und sehr viel besser ist das im Master auch nicht geworden, sag ich gleich mal dazu. Aber immerhin, dann hat man was in der Hand, lautet die Parole. Nur so kann ich die lediglich mit dem Jodeldiplom vertrauten älteren Verwandten beruhigen. Nur mich selber gerade irgendwie nicht so. Eine Ausbildung wäre einfacher gewesen. Kind, mach doch was ordentliches! Ihr habt gar nichts verstanden.

Bevor an dieser Stelle der aufgebrachte Leser im Kopf schon die ersten Worte für den bissigen Kommentar zusammendenkt, möchte ich kurz einlenken. Ja, mir ist vollkommen klar, dass das sehr wahrscheinlich nur ein temporäres Problem in meiner bildungsbürgerlichen Mittelschicht ist. Dass ich mal meine Privilegien checken sollte. Ich hab auch schonmal von Bourdieu gehört, und mit dem mittlerweile angehäuften kulturellen Kapital und dem Mantra des permantenten „wirdschonnichtsschlimmespassieren“ im Hinterkopf stratze ich einigermaßen unbedarft durch die Welt.

Muss ich doch, was sonst bleibt mir auch übrig?

Aber es fühlt sich grad nicht so an. Kaum habe ich meine Abschlussarbeit abgegeben, falle ich in ein Loch, fühle mich schwammig und undefiniert und verlottere sozial vollkommen. Ich sitze größtenteils paralysiert zuhause und schelte mich, warum ich nicht doch im Februar bei dem mir damals zu popeligen Kellnerjob nochmal genauer nachgehakt habe. Den ich aber trotzdem nicht bekommen hätte, weil ich ja nur noch Student auf Zeit bin. Da lohnt sich das einarbeiten nicht mehr, zu teuer. Schon wieder Systemopfer. Immerhin so gut wie überqualifiziert.

Jetzt muss ich nur noch das Zeugnis abwarten und dann raus aus der Zwischenwelt. Dann geht das Spiel erst richtig los. Wie viele Magengeschwüre warten dort auf mich? Ich bin schon ganz gespannt.


* = Die Überschrift habe ich von einem Rapperzeitgenossen namens Marsimoto geklaut, von dem ich sonst recht wenig weiß, außer dass ich einige Wortspiele gut finde. Hey ho. Und: Große Teile des Duktus habe ich vermutlich vom kiezneurotiker übernommen. Ein Blog, das man nur mit grimmig zusammengebissenen Zähnen lesen kann. Schöne Grüße an der Stelle!

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