Retrospektive: Ohne Hirtensalat

von Anne

Vor ein paar Tagen habe ich einen interessanten Beitrag gefunden, den auch rege in meinem Bekanntenkreis herumgereicht worden ist. Bisher war das alles irgendwie schön weit weg von mir. Dresden, haha, guck mal die da unten an, das Tal der Ahnungslosen steht auf, wir habens ja immer gewusst, in Sachsen, alles voller Nazis. Das hat nun echt jeder überall gelesen und gesehen und kommentiert. Wer sich die ungeschnittenen Panorama-Interviews der Pegida-Meute anschaut (hier und hier), weiß aber auch: Dass man nicht mit Zahlen argumentieren kann, weil die Proteste wohl eher einem Gefühl entspringen. Dass die Leute sich einen Wahlspruch ausgesucht haben, (der außerdem anachronistischer kaum sein könnte, aber das brauch ich euch ja nicht zu erklären), weil sie sich benachteiligt fühlen, wie 1989, und deshalb so reagieren wie 1989. Es fühlt sich aber eher an wie die Reichspogromnacht 1933. Mich gruselt es enorm. 

Jetzt wird es kurz polemisch, aber ich kriege es sonst nicht aus meinem Kopf raus.

Frage: Was können irgendwelche Flüchtlinge dafür, dass ihr euch als Wendeverlierer fühlt, immernoch? Das sind strukturelle Umschwünge, und ihr habt auch die CDU gewählt. Das ist Demokratie, ihr wolltet das so. Punkt. Aber, heulen sie, wir hatten ja nichts. Und jetzt kommt der Ausländer, das liest man ja überall, liegt uns sozialstaatlich auf der Tasche UND nimmt uns gleichzeitig noch das letzte bisschen Arbeit weg. Faszinierend, wie das in euren Köpfen zusammengeht!

Und jetzt lese ich gerade, dass die Idiotenwelle auch in meiner Heimatstadt Magdeburg angespült worden ist. Nicht, dass mich das überraschen würde, das nicht.

Stimmen sie denn, die Ostklischees? Gleichen wir mal ab.

1. Als ich Teenager war, gab es nachmittags in unserer Innenstadt ziemlich genau 3 Grüppchen, die sich an festen Plätzen versammelten: die Prolls (harmlos, aber doof, was aus denen geworden ist, kann man sich heute im privaten Nachmittagsprogramm angucken), die linksalternativen Gitarrenkinder (dazu gehörte auch ich, wir saßen meistens herum und klampften dilettantische Nirvana-Riffs) und, erraten: die Nazis aus dem Dorf nebenan. Der Verteilungsschlüssel lag hierbei aufgerundet um die 60:30:10. Richtig gelesen. Bloß, wen soll man piesacken, wenn man in einer Stadt aufwächst, die einen Ausländeranteil von einem halben My hat? Dumm gelaufen. Dann mussten die Langhaarigen dran glauben. 80er-Flashback. Glaubt mir heute in Berlin kein Mensch.

2. In meiner Klasse gab es in 12 Jahren Schule insgesamt ganze zwei Kinder ‚mit Migrationshintergrund‘: Ein 2 Jahre älterer Vietnamese und ein Mädchen aus Usbekistan. Beide waren still und fleißig, schnitten beim Abi mit einer Einsernote ab, mit beiden habe ich nie mehr als 5 Worte gewechselt. Heute finde ich das schade, damals fiel es mir kaum auf. Vorurteile hatten wir keine, außer vielleicht: Streber. Aber was wir hatten, war ein Klassenazi: Eine explosive Mischung aus aufmerksamkeitsgeilem, testosterongebeutelten Sitzenbleiber und Protestteenager. Natürlich mit Glatze und Springerstiefeln. Zweiter 80er-Flashback. Eines Tages kamen alle Jungs mit frisch rasierter Glatze zur Schule. Wer keine hatte, wurde ausgelacht. Was da los war, Mutprobe oder was, keine Ahnung. Aber: Auch der vietnamesische Junge hatte auf einmal eine. Ein Hoch auf den Gruppendruck. Der hatte das ganze Programm drauf, von Hakenkreuzen auf den Klassenarbeiten bis hin zu Hitlergrüßen hatten wir alles durch. Eine Fahrt nach Auschwitz fiel auch aus. Den Nazi hat sich die Schule trotzdem sehr lange nicht getraut, rauszuwerfen, denn man war um den Ruf der Schule besorgt. Er wurde binnen kürzester Zeit in die Parallelklasse versetzt, wo er sich die andere Hälfte der Stufe vornahm. Weil: So läuft das hier. Augen zu.

3. Ein näherer Verwandter von mir arbeitet in der Stelle, wo die Asylanträge geprüft werden. Also gut, denke ich, Berufskrankheit, genau wie dem Jobcenterbearbeiter aufgrund seines Stressfaktors und des Tunnelblicks der durchschnittliche Hartz-IV-Bezieher wie der letzte ungewaschene Asoziale vorkommen muss, erinnert er sich eben nur an die Geschichten mit den schwierigen Patienten. Die kaum oder gar kein Deutsch verstehen. Die nicht wissen, welches Formular das Richtige ist. Die ihre Ausweispapiere verloren haben. Eventuell verliert man sowas ja mal, wenn man Kriegsflüchtling ist, lenke ich ein, man hat ja selten einen spritzwassergeschützen Umschlag dabei, in dem alles ordentlich abgelegt ist. Er weist mich auf die Drogendelikte im Görlitzer Park hin. Ich lenke wieder ein, man müsse dann ja wohl am ehesten die Situation der Asylanten verbessern, auch finanziell und humanitär. Er winkt ab und murmelt etwas vom neuen Asylantenheim am Stadtrand, das ihm nicht passt. Man müsse strengere Regeln einführen, die machen ja nur, was sie wollen und kriegen alles hinten rein. Ich werde wütend. Er, Eigenheim, gehobener Dienst, spricht mir meine Erfahrung ab: Ich sei ja nun schon zu lange nicht mehr in der Stadt gewesen, ich wisse ja gar nichts mehr von hier. Er klingt wie einer der angeblich so ‚besorgten Bürger‘. Ich nehme noch einen Schluck Wein und sehe ihn vor meinem inneren Auge in ein paar Tagen auch auf der Straße mitlaufen.

In einem hat er aber tatsächlich recht: Ich bin weggezogen, so bald ich konnte, damit mehr Vielfalt in mein Leben kommt. Die habe ich in Magdeburg tatsächlich nie erlebt. Ich schäme mich zeitweilig sogar meiner kulturell bedingten, ab und zu deutlich durchscheinenden Weltfremdheit. Aber ich habe es nicht anders gekannt als Kind. Politikunterricht, ich erwähnte es bereits, gab es leider praktisch nicht.

Und jetzt?

Ich wohne seit ein paar Jahren in Neukölln, und fühle mich hier mehr zuhause als in Magdeburg. Auch wenn ich nicht alles verstehe, was die Leute sprechen. Ich kenne nicht jede Speise im Supermarkt nebenan und weiß bei vielen Gemüsesorten nicht, wie man sie zubereitet. Aber scheiß doch drauf. Kann man alles lernen.

Mein Freund, Urberliner wie er im Buche steht, zeigte mir neulich seine Grundschulfibel. Da gab es ein Kind, das in meiner Neue-Bundesländer-Fibel nicht vorkam. Das Kind hatte einen Migrationshintergrund und einen für Grundschüler wahrscheinlich unaussprechlichen Namen, aber das war völlig egal. Vor allem hatte es ein Rezept für einen Hirtensalat mitgebracht, der mit bunten Illustrationen auf der gegenüberliegenden Seite abgedruckt war, zum Nachmachen. Das hätte man in Magdeburg auch schaffen können. Wenn man gewollt hätte.

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