Du meldest dich ja auch nicht mehr!

von Anne

Wenn Leute sich nicht melden, kann das diverse Gründe haben: der Akku war alle, sie sind kurz eingeschlafen, sie  haben die richtige Schreibweise der Emailadresse verbummelt, das Handy wurde geklaut, oder sie mussten noch einkaufen, einparken, eincremen, wasweißich. Meistens ist der Grund aber schlichtweg: es ist ihnen egal. Man kümmert sich nicht darum, ob der andere vielleicht minütlich das Mailpostfach, das Handy oder (in den seltenen Fällen, in denen der eine Part spontan und der andere Part sogar zuhause ist), die Bereitschaft der Türklingel überprüft, ob sie Dienst tut. Nein, sie haben einfach was anderes in  der Zeit gemacht. Der Mensch, der dann auf eine Meldung wartet, wird also degradiert: zum Warter. Und das ist die schlimmste aller Positionen, die man sich zwischenmenschlich vorstellen kann. Und ich wette, jeder von euch kennt mindestens einen solchen Menschen, der einen zum Warter werden lässt.

Darum gibt es jetzt: Die Top 5-Typologie der Nichtmelder

1. Der Eiserne Schweiger. Wird gern von Arbeitgebern angewandt, um Kosten und Mühen auf Bewerbungsablehnungen zu sparen. Macht nicht unbedingt sympathisch, vor allem wirkt es geizig und verkniffen. Sicherlich keine erneute Kontaktaufnahme. Habe ich auch schon erlebt bei Ämtern, Vermietern, Handwerkern, Professoren, Ärzten. Besonders schlimm, wenn auch das Telefon ignoriert wird, obwohl es, offensichtlich, den halben Tag klingelt. Soll wohl angeblich Macht demonstrieren oder so? Ich weiß ja nicht.

2. Der Beschwerer. Lieblingssatz und meistens auch direkt der erste, den man entgegengeschmettert kriegt: „Na, von dir hört man ja auch nichts mehr!“ Ja danke, ich muss dann auch mal wieder los, nech. Wird gern bei entfernteren Verwandten benutzt, um angeblich verlorengegangene Nähe zu beklagen. Als Befragter legt man sich 652 Ausreden zurecht und fühlt sich verantwortlich für die miese Kommunikation, ist aber in Wirklichkeit ein fein austariertes Eigentor und lenkt gut ab vom eigentlichen Kommunikationsproblem. Chapeau! Ich werd trotzdem nicht so bald wieder anrufen, ich hab euch durchschaut! Wenn auch erst hinterher.

3. Der Unverbindliche. Die schlimmste und populärste Form der Nichtmelder. Statt sich zu einem festen Termin direkt zu verabreden und dafür zu sorgen, auch vor Ort zu sein, hält er sich noch weitere Türen offen, falls noch etwas besseres kommt. Man kann sich dann ja später noch zusammentelefonieren, schließlich sind wir alle mobil. Sorgt aber nur dafür, dass man sich fühlt, als wäre man ständig auf dem Sprung, um den Unverbindlichen doch noch zu erwischen. Dieser kann sich dann mit seiner unglaublichen Beliebtheit herausreden und der Warter fühlt sich mies, weil man es riskiert hat, sich nur auf einen einzigen Menschen zu verlassen. (Protip: Meistens sind die Gespräche mit den Unverbindlichen aber auch so oberflächlich und selbstbezogen, dass es in Nachhinein fast nichts ausmacht, wenn ein Treffen dann doch ins Wasser fällt.)

Special 3.1. Der Unverbindliche als Love Interest. Ganz besonders mies! Hier zählt vor allem die Fassade. Kann auch über Jahre gehen. Wird meist über soziale Netzwerke aufrecht erhalten, und zieht sich, weil man viel zu beschäftigt ist, sich jetzt aber WIRKLICH mal ernsthafte Gedanken um seine Beziehungsfähigkeit zu machen. Lieber noch ein bißchen so weiterlaufen lassen wie es grade ist. Irgendwann kommt dann meist a) ein Selbstfindungstrip, b) eine andere Person, mit der es auf einmal viel einfacher funktioniert, oder c) der völlige, unvermittelte Kontaktabbruch. Zu einer konkreten Aussprache kommt es nie, obwohl beide ununterbrochen reden und bekifft oder betrunken ihre limitierten Gedanken austauschen, die irgendwie so total tief und philosophisch und geheimnisvoll sind, ne. So geheimnisvoll, dass selbst der Kontaktabbruch und der darauffolgende und eigentlich immer schon dagewesene Herzschmerz noch verkunstet wird. Dazu wurde glaube ich Instagram erfunden und der Status „es ist kompliziert“. Lächerlich.

4. Der Vergessliche. So unverbindlich, dass er eine eigene Kategorie verdient hat. Lieblingssatz: „Huch, ich hab TOTAL vergessen, mein Handy wieder auf laut zu stellen. Oder draufzugucken. (Seit letzter Woche Dienstag.)“. Bei ihm ist so viel los und er ist so gestresst, dass man ihn nicht mal drauf ansprechen kann, weil er dem auch wieder ausweicht. Oder, schlimmer noch, die Geschichte erzählt, wieso er nicht konnte, auf gar keinen Fall und schon gar nicht neulich, als man sich ja eigentlich treffen wollte. Denn er ist nie selber Schuld, es sind immer die Umstände. Dazu kommt sein mieses Zeitmanagement. Dieser Typ verwechselt Freitagabend (an dem man eigentlich verabredet war) mit Dienstagnachmittag, Februar mit August und vergisst den Geburtstag so lange, bis es einem selber peinlich wird, sich darüber zu ärgern. Kommt meist ins zerbröselnden Freundschaften vor und besonders gern in Berlin.

5. Der Ungelenke. Es ist eigentlich meist ganz nett mit ihm, wenn man sich mal trifft. Ein Treffen zu organisieren ist aber meistens komplizierter als die Abgeordnetenwahl des Kreuzberger Mietervereins. Liegt es daran, dass er nicht spontan ist? Oder so ruhig? Am Ende des Treffens verspricht man sich jedenfalls, sich auf jeden Fall mal wieder öfter zu melden (ha!) und geht trotzdem mit dem Gefühl ins Bett, dass er sich irgendwie unwohl gefühlt hat. Weil man nicht aufdringlich wirken will, macht man also: nichts. Und das kann laaange so weitergespielt werden. Ein toller Ansatzpunkt für Zweifel an der eigenen Selbstwahrnehmung, und trotzdem bricht man den Kontakt nie so ganz ab. Es ist ja EIGENTLICH alles in Ordnung. So krampft man sich dann eben durch die Jahre. Brr.

 

Und, habt ihr jemanden wiedererkannt? Vielleicht sogar euch selbst? Aber vielleicht gehört ihr auch zu den Opfern dieser Nichtmelder, die sich dann schlimmere Gedanken machen als Amelie Poulin, die jede Menge Ausreden vor sich selbst erfindet, als ihr Freund nicht auftaucht? Schaut ihr minütlich aufs Handy? Löchert ihr andere Leute, was es noch für abstruse Gründe geben könnte, wieso sich XY noch immer nicht gemeldet hat?

Ich vertrete am ehesten die Fraktion „Maul aufmachen“ und am besten direkt sagen, wenn einen etwas stört. (klappt bei Ämtern etc. natürlich nicht so gut). Es kann natürlich sein, dass die angesprochene Person harsch reagiert. Oder, Überraschung, sie reagiert gar nicht. Aber zumindest für mein Seelenheil muss das sein. Ich habe einmal sogar meinem Vater einen sehr ausführlichen Brief geschrieben, als ich mit seiner damaligen Meldepraxis sehr unglücklich war. Mit nur mittelmäßigem Erfolg, der auch größtenteils aus Pflichtgefühl besteht, aber nun gut. Kommunikation (und Telefone) funktionieren nicht einseitig. Dazu muss aber immer erstmal jemand anwesend sein.

Was ich eigentlich sagen will:

Identifiziert die Nichtmelder! Und macht euch nicht zum Sündenbock, wenn es nicht klappt. Vor allem: sagt, was euch stört! Wir haben so viele Gerätschaften und Wege, uns zu melden, wir sollten sie auch nutzen. Damit meine ich nicht, ohne Kommentar 3 Jahre alte Bilder bei Facebook zu liken, sondern sich gegenseitig ein paar ehrlich gemeinte Sätze zu schreiben. Was ihr aneinander schätzt. Und was nicht. Und dann daran arbeiten. Das dauert keine Viertelstunde, versprochen. Und zur allergrößten Not dann halt doch: ausmisten. Passt doch gut zum Frühling. Auch in Berlin, jedenfalls sieht es vor meinem Fenster ganz danach aus.

 

Ich wünsche euch einen schönen ersten Mai!

 

2012-09-03 16.57.20

 

 

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