diegretchenfrage

wer nichts weiß, muss alles glauben.

Monat: Juni, 2015

Vom Vorlesen

Es beklagen sich die Buchhändler, dass niemand mehr liest. Und wie könnte man auch! Man verpasst ja so viel! Man muss ja noch Dinge erledigen! Einfach dazusitzen und sich still auf ein Buch zu konzentrieren, scheint nicht mehr in unsere Welt zu passen. Und es fällt zumindest mir auch immer schwerer, meine Gedanken beisammenzuhalten. Ich gebe zu: ich habe es verlernt, zu lesen. Also, so richtig zu lesen. Diese ruhige, kraftvolle Stille, die den Lesenden umgibt, während er völlig woanders ist, ist mir irgendwie fremd geworden. Ein bißchen schäme ich mich auch. Aber bei Hörbüchern bin ich sofort dabei! Ja klar, denken Sie, das ist ja was anderes, Instant-Lesen sozusagen, das macht man mal eben zwischen S-Bahn, Einkauf und Abwasch! Und wie praktisch das klingt: Sich endlich die jahrelang aufgeschobenen Klassiker reinziehen, von Shakespeare bis Thomas Mann, alles, was bisher zu dick zum Mitnehmen oder zu öde zum Wachbleiben war, kann man mal eben wegkonsumieren. Dann fällt am Ende ein bißchen Bildung hinten raus, und man muss ja keinem erzählen, dass man nicht „richtig“ gelesen hat.

Denken Sie? Falsch, ganz falsch! Den Rest des Beitrags lesen »

Der Finne

Vorgestern hatte ich spontanen Besuch von ein paar Freunden. Mitgeschleppt wurde noch ein junger Finne, Anfang zwanzig vielleicht. Der bestaunte erstmal ausgiebig mein Festnetztelefon und sagt, das gibt es in Finnland schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Zweifelnd schaut er auf die Schnur und die Tasten. Kein Display. In Deutschland hat man das noch, versuche ich ihm zu erklären.

Stimmt ja auch: Hier rufen die Personaler immer noch lieber auf Festnetznummern an. Wirkt seriöser, sagen sie. Hier wird außerdem noch unterschieden zwischen „kurz am Handy“ und „mal so richtig in Ruhe“ telefonieren, so abends auf der Couch, während man sich mit den Fingern in der Kordel verheddert. Ich glaube, Deutschland ist auch das einzige Land, in dem in den Provinzzeitungen noch diese Tariflisten mit Uhrzeiten zum billig anrufen stehen. Er guckt mich zweifelnd an.

Als sein Blick schließlich auf den Röhrenfernseher fällt, kippt er fast um. Die Marke steht unten am Bildschirmrand: Nokia. „Whuaaat?“ ruft mein Gast und fotografiert das klobige Teil minutenlang. Er teilt die Fotos wahrscheinlich heute noch mit dem halben Internet. Der Fernseher war ein Erbstück von meiner Oma, als sie ins Heim kam. Ich benutze ihn natürlich, warum auch nicht. Läuft ja noch, war für lau.  „Ich glaube, Nokia machen jetzt Gummistiefel,“ sagt er und guckt mich mitleidig an. Zwar ist meine Wohnung voller Eichenmöbel aus diversen Generationen, doch ich kam mir selten so alt vor wie in diesem Moment.