Der Finne

von Anne

Vorgestern hatte ich spontanen Besuch von ein paar Freunden. Mitgeschleppt wurde noch ein junger Finne, Anfang zwanzig vielleicht. Der bestaunte erstmal ausgiebig mein Festnetztelefon und sagt, das gibt es in Finnland schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Zweifelnd schaut er auf die Schnur und die Tasten. Kein Display. In Deutschland hat man das noch, versuche ich ihm zu erklären.

Stimmt ja auch: Hier rufen die Personaler immer noch lieber auf Festnetznummern an. Wirkt seriöser, sagen sie. Hier wird außerdem noch unterschieden zwischen „kurz am Handy“ und „mal so richtig in Ruhe“ telefonieren, so abends auf der Couch, während man sich mit den Fingern in der Kordel verheddert. Ich glaube, Deutschland ist auch das einzige Land, in dem in den Provinzzeitungen noch diese Tariflisten mit Uhrzeiten zum billig anrufen stehen. Er guckt mich zweifelnd an.

Als sein Blick schließlich auf den Röhrenfernseher fällt, kippt er fast um. Die Marke steht unten am Bildschirmrand: Nokia. „Whuaaat?“ ruft mein Gast und fotografiert das klobige Teil minutenlang. Er teilt die Fotos wahrscheinlich heute noch mit dem halben Internet. Der Fernseher war ein Erbstück von meiner Oma, als sie ins Heim kam. Ich benutze ihn natürlich, warum auch nicht. Läuft ja noch, war für lau.  „Ich glaube, Nokia machen jetzt Gummistiefel,“ sagt er und guckt mich mitleidig an. Zwar ist meine Wohnung voller Eichenmöbel aus diversen Generationen, doch ich kam mir selten so alt vor wie in diesem Moment.

 

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