Vom Vorlesen

von Anne

Es beklagen sich die Buchhändler, dass niemand mehr liest. Und wie könnte man auch! Man verpasst ja so viel! Man muss ja noch Dinge erledigen! Einfach dazusitzen und sich still auf ein Buch zu konzentrieren, scheint nicht mehr in unsere Welt zu passen. Und es fällt zumindest mir auch immer schwerer, meine Gedanken beisammenzuhalten. Ich gebe zu: ich habe es verlernt, zu lesen. Also, so richtig zu lesen. Diese ruhige, kraftvolle Stille, die den Lesenden umgibt, während er völlig woanders ist, ist mir irgendwie fremd geworden. Ein bißchen schäme ich mich auch. Aber bei Hörbüchern bin ich sofort dabei! Ja klar, denken Sie, das ist ja was anderes, Instant-Lesen sozusagen, das macht man mal eben zwischen S-Bahn, Einkauf und Abwasch! Und wie praktisch das klingt: Sich endlich die jahrelang aufgeschobenen Klassiker reinziehen, von Shakespeare bis Thomas Mann, alles, was bisher zu dick zum Mitnehmen oder zu öde zum Wachbleiben war, kann man mal eben wegkonsumieren. Dann fällt am Ende ein bißchen Bildung hinten raus, und man muss ja keinem erzählen, dass man nicht „richtig“ gelesen hat.

Denken Sie? Falsch, ganz falsch!

Gleich vorweg, das habe ich am Anfang auch gedacht. Nur mal unter uns: Sie werden den Shakespeare nicht anrühren. Tut mir Leid, aber es ist so. Es sei denn, die richtige Stimme ist dabei. Denn: Auf den Erzähler kommt es an.

Ein guter Erzähler schafft es, dass man sich in seiner Stimme zuhause fühlt. Man sollte nicht darüber nachdenken müssen, wie er aussieht oder was er gerade macht. Die Stimme trägt einen sofort in die Geschichte hinein und man vergisst alles um sich herum.  Dabei sollte der Erzähler kein Aufhebens um seine Geschichte machen, sondern einfach Schritt für Schritt, mit jedem einzelnen Satz, vorangehen. Nur dann geht man als Hörer mit. Und jetzt kommt das Unerhörte: Das Thema ist dabei fast egal! Es gibt Menschen, die könnten meinetwegen sogar das Telefonbuch von Buxtehude vorlesen, und man würde sich jeden Buchstaben anhören. Nur wenige Menschen haben die Fähigkeit, so zu erzählen.

Und dann muss man abwägen: Bei wem fühlt man sich wohl? Rauchigen, tiefen, ruhigen Frauenstimmen? Einfühlsamen, melancholischen, mittelalten Stimmen? Oder knarzigen, rauchigen Stimmen, die sich bei jeder Betonung einen eigenen Witz erzählen, bei jeder Pause eine Denkpause einzulegen scheinen? Die Stimme trägt die Geschichte. Die Stimme wird aber auch wie nichts sonst mit der Geschichte identifiziert. Man verbringt schließlich Stunden oder sogar Tage mit ihnen, durchlebt Phasen und Jahreszeiten. Ich habe da mehr als ein Hörbuch-Ritual.  Ich frage mich, ob den Erzählern das so bewusst ist, was die Stimmen schon mit mir geteilt haben: Sommernächte, Reisen, Liebeskummer – jede Situation hat bei mir eine Stimme.

Wenn alles richtig läuft, will man sich irgendwo hinlegen wie früher mit einem Buch, dann aber die Augen schließen und die Bilder, die diese Stimme so eindringlich malt, in seinem Kopf weiterwandern lassen.Und dann wieder: nichts tun. Damit man nicht abgelenkt wird von dieser großartigen Kunst, bei der die Zeit stehen bleibt und man nur noch Wort, Satz und Sprache sein darf.

Vor ein paar Tagen ist Harry Rowohlt gestorben. Er war erst 70 Jahre alt und, wie ich gerade erfahren habe, seit ein paar Jahren sehr krank. Für mich war er nicht nur der inspirierendste, kreativste und witzigste Übersetzer, den ich je gelesen habe, sondern auch einer der besten Erzähler, die ich erleben durfte. Auch wenn der Abend mehr als 4 Stunden ging- es war immer noch zu kurz.

Danke für die Worte!

Einen schönen Nachruf hat auch der NDR hier verfasst.

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