Grexit

von Anne

Aus aktuellem Anlass möchte ich hier noch rasch einen Text loswerden, den ich neulich für Bewerbungen eingereicht habe. Ich poste ihn hier, damit er nicht auf meiner Festplatte einfach so in Vergessenheit gerät. Aber auch, um mal ein paar anderweitige Meinungen zu Griechenland und Europa rauszugeben. Ich habe in diesem Frühling, so etwa Mitte/Ende April, mit Maria Brand und Daniel Mouratidis gesprochen. Sie haben griechische Wurzeln und haben mir ihren Blick auf die Krise erläutert. Vielen Dank noch einmal an beide!

Und das ist der Beitrag im Wortlaut:


 

In der Sandwichposition

Griechenland, die Krise und kein Ende. Die Presse und die Politik beider Länder haben der Debatte einen Bärendient erwiesen. Trotzdem diskutieren die Griechen in Deutschland weiter mit – weil es nicht anders geht.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem sie nicht auf den Titelseiten der europäischen Zeitungen steht: die Krise in Griechenland. „Nur wenn etwas passiert, was noch schrecklicher ist, wie dieses Flugzeugunglück, gibt es für Griechenland eine kurze Pause,“ stellt Maria Brand fest.

Seit fünf Jahren lebt die Halbgriechin wieder in Deutschland. Geboren in Unterfranken, zog sie in ihrer Teenagerzeit mit ihrer Mutter nach Thessaloniki. Nach ihrem Studium suchte sie dort über ein Jahr lang nach Arbeit. Doch die Krise kam ihr zuvor: „Einen Job, der über Kellnern auf Drei-Euro-Basis ohne Versicherung hinausgeht, habe ich dort nicht gefunden.“ Irgendwann wurde ihr klar, dass es so nicht weitergehen konnte. „Ich konnte nachts nicht mehr schlafen aus Angst, nicht über die Runden zu kommen. Wenn du diese Grundangst hast, dann musst du weg.“

Nun ist sie wieder zurück in Deutschland und studiert Kultur- und Medienmanagement in Berlin. Hier sieht sie sich auch als Vermittlerin. Beinahe täglich postet sie Artikel aus deutschen und griechischen Zeitungen und diskutiert viel mit Freunden und Bekannten. Sie stellt fest: „Es ist eine schizophrene Situation für mich. Ich habe in beiden Kulturen gelebt und kann die Argumente beider Seiten nachvollziehen.“

Bei der Frage nach Günther Jauchs Talksendung, in der Yanis Varoufakis zu Gast war, wird die sonst so aufgeräumte junge Frau mißmutig. „Das war ein zutiefst verstörendes Erlebnis, wie da auf die Griechen eingedroschen wurde“ seufzt sie. „Diese Sendung gucken mehrere Millionen Menschen, und man sollte verantwortungsvoll genug sein, zu erkennen, was das für Konsequenzen für das Bild eines anderen Volkes hat. Wir sollten in so einer Situation wie jetzt dringend aufhören, so arg zu verallgemeinern. Das ist nicht Europa, das ist nicht zeitgemäß. Wake up!“

Auch Daniel Mouratidis, ehemaliger Landesvorsitzender der Grünen in Baden-Württemberg, sieht sich in einer Sandwichposition. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater lebt in Griechenland. Die Reaktion der Griechen auf die Politik der EU in der Krise erfuhr er am eigenen Leib, als er dort mit seiner Tante zu Besuch war: „Sie war schon fast im Rentenalter und hat sich auf einem Dorffest beinahe geprügelt, irgendwo in der griechischen Provinz. Da hieß es, die Merkel sollte man an den Galgen hängen. Aber meine Tante blieb rigoros und sagte, schaut doch mal, was ihr selbst falsch gemacht habt.“

Mouratidis beschäftigt das Thema so sehr, dass er irgendwann aufgehört hat, Zeitung zu lesen. Er fühlte sich angegriffen und versuchte, den Diskussionen um die Griechen aus dem Weg zu gehen. „Viele Menschen verstehen nicht, dass Griechenland eben anders funktioniert. Ich versuche den Menschen immer klarzumachen, dass sie nicht auf andere Länder und Kulturen zeigen und verlangen können: ‚Macht es doch wie wir, dann wird es schon besser.‘ Das ist keine Lösung.“, bemerkt er. Um den Stimmen entgegenzutreten, startete er als einer der ersten deutschen Politiker ein eigenes Blog (auch wenn dieser seit einiger Zeit nicht mehr bespielt wurde) und erntete dafür viel Lob und Anerkennung.

Der Wahlberliner erkennt Symptome für einen aufkeimenden Rassismus. „Das hat sich in der jüngsten Zeit dramatisch geändert. Viele Griechen sagen, die Deutschen spielen sich auf wie im Zweiten Weltkrieg und zeigen plötzlich ihr zweites Gesicht. Dann werden die Griechen auch laut.“

Mouratidis sieht hierbei die Medien ebenso in der Verantwortung wie die Politik. Die Art, wie besonders in Deutschland gegen die Griechen gepoltert wurde, hat die Situation nur verkompliziert. „Ich bin davon überzeugt, wäre die Rhetorik anders ausgefallen, gäbe es nicht diese Verstimmungen,“ stellt er fest. Er wünscht sich vor allem von deutscher Seite aus eindeutige Signale der Entspannung.

Diese Vorstellung hegt auch Maria Brand: „Ich hoffe, dass wir uns alle in die Lage des Anderen hineinversetzen können, um eine europäische Lösung zu finden. Sonst war das alles, zumindest politisch gesehen, für nichts. Frieden in Europa ist tatsächlich relativ.“

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