Retrowelle 90er- ein kulturpessimistischer Kommentar

von Anne

Wie funktioniert das eigentlich, wenn die Retrowelle gerademal wieder den Scheitelpunkt der Schlimmheit erreicht hat und die 90er mitsamt den Tattooketten und Minirucksäcken und in voller Wucht einschlagen? Hier in Berlin ahnt man solche Wellen immer nochmal anderthalb Jahre früher. Ich habe es ignoriert, absichtlich, auch wenn ich es natürlich auch mitprophezeit habe. Und was sonst wäre auch jetzt dran, das musste ja kommen. Ein bisschen mehr gefühlte Authentizität ist gewünscht, und plötzlich ist Kurt Cobain ein früher Hipster und gilt als Sexsymbol der jetzigen Erstsemester.  Ich bin irritiert, weil jetzt meine eigene Vergangenheit auf platteste Weise durch den Retrowolf gedreht wird. Und fühle mich ein bißchen um meine Kindheit betrogen.

Bei meiner Tante hängt ein Foto von mir, von dem ich bis heute nicht weiß, wieso es überhaupt aufgenommen wurde. Es repräsentiert sozusagen die Furchtbarkeit der Adoleszenz in Reinform: Pickel, speckige Haut, Zahnspangenlächeln, wirre Haare mit merkwürdigen Strähnen. Ich trage ein Shirt, das mir ein paar Nummern zu groß ist, noch dazu hat sich scheinbar ein Textildesigner in einem Drogencocktail sondergleichen darauf ausgetobt, denn es vereint Streifen, Blumen und Kringel in allen Regenbogenfarben in sich. Dazu trage ich ausgewaschene Jeans in Übergröße und dicke, schwarze  Lederschuhe. Ich versuche, dem Fokus der Kameralinse zu entkommen und erstarre leicht, gebe schließlich auf und grinse unsicher halb an der Kamera vorbei. Das geht mir heute noch so. Das Fotografiertwerden war mir mindestens so unangenehm wie das direkte Angeschautwerden. Ich war ein scheues Kind und sehr, sehr unsicher mit meinem Körper.

Hätte ich Youtube gehabt, oder jemanden in meiner Klasse, der Youtuber gewesen wäre, hätte ich mich wohl noch viel mehr unter Druck gefühlt. Das richtige Schminken, die richtige Klamottenwahl, die komplette Selbstpräsentation habe ich erst später erlernt, und ich bin immernoch dabei, kontrolliere meine Körperhaltung, schaue in Schaufenster, zupfe die Frisur zurecht, mache mir im Kopf Notizen, wenn ich eine gut gekleidete Frau sehe, prüfe morgens kritisch meine Garderobe. Selten gibt es einen Tag, an dem ich mir dauerhaft gut gefalle.

Und leider: Das Körperbild hat sich kaum verändert. Das ist so ein Thema, was mich mehr umtreibt, als ich mir eingestehe. Kurz dachten alle, es gäbe endlich mal wirklich eine Hinwendung zum normalgeformten Körper, aber das ist scheinbar auch schon vergessen, so dass ich mich weiterhin einfach mittelmäßig dick fühle, wie es eigentlich schon immer der Fall war. Nur, dass es jetzt entweder „curvy“ heißt, was eher auf kardashianische Extrembetonung der totalen Körperlichkeit schließen lässt (hier von Hirn keine Spur), oder, nicht besonders schmeichelhaft: „thick“, was Richtung „kräftiges (!) Mädchen kann Jungen ohne Probleme umboxen“ deutet.

Jedenfalls schwingt hier, wie ich finde, eine Art Rohheit mit, die nicht so gern betont wird. Man muss ja weiblich genug bleiben! Bloß nicht zu laut oder zu wild sein, und auf jeden Fall irgendwie süß bleiben.Was hier fürn ein Bild transportiert wird, könne kaum näher an den 50ern dransein.

Meine Jugendaufklärungslektüre von damals hat vor Kurzem einen extrem fragwürdigen Artikel herausgebracht, es ging um Flirttips für Mädchen und könnte kaum unemanzipierter sein. (die wichtigsten Punkte zum Nachlesen gibt es hier, denn die Bravo selbst hat den Artikel, nachdem sie glücklicherweise kräftig auf den Deckel bekommen haben, leider vom Netz genommen.).

Speaking of 90er: Wo zur Hölle ist eigentlich die interessante Androgynität eines Brian Molko oder wenigstens diese vielbeschworene gottverdammte Girl Power abgeblieben? Sollte sich das nicht längst in politischen und gesellschaftlichen Konsens ergossen haben? Stattdessen kommt jedes Jahr wieder eine Diskussion über die vielleicht doch begründbare Daseinsberechtingung der Gender Pay Gap auf, anstatt sie einfach mal endlich abzuschaffen. Das ist keine Politik, das ist einfach nur beschissener alter struktureller Sexismus.

Daher muss ich schlussfolgern: Die Rückehr in den Konsevatismus plus fortlaufende Selbstoptimierung – das sieht für mich gerade schlichtweg nach ‚worst of all worlds‚ aus.

Gut gemacht, Zukunftsgeneration! Was sind denn eigentlich eure genuinen Werte? Sagt doch mal.

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