Lichtenhagen reloaded: Die neue Sprachlosigkeit

von Anne

Ich finde kaum die richtigen Worte, so sehr bin ich angewidert und erschrocken über das, was man derzeit beinahe täglich an Hassattacken auf Geflüchtete und Andersaussehende in den Nachrichten hört. Es scheint schon beinahe müßig, all die Kleinstädte aufzuzählen, wo jemand angegriffen oder verletzt wurde und eine Unterkunft für notleidende Menschen abgebrannt wurde. Hier gibt es eine Karte, um sich das ganze Ausmaß des Elends mal anzuschauen- aber oh, wartet, die ist vom April, erschreckenderweise ist sie nicht mehr aktuell, weil inzwischen noch so viel mehr passiert ist. (EDIT vom 28.08.: hier findet sich eine neue Karte, auch wenn ich den Titel sehr reißerisch finde, liebe ZEIT. Muss das sein?)

Aber dennoch: Ich bin wütend und beschämt, dass es sich innerhalb weniger Monate schon wieder so anfühlt, als wären wir in einer Zeitmaschine 23 Jahre zurück und nach Rostock-Lichtenhagen gereist. Ganz genau so fing es an.

Damals wurde es mit der Wendeproblematik und der schwierigen wirtschaftlichen Situation des ehemaligen DDR-Gebiets erklärt, dass die Menschen verunsichert und verstört sind. Verschärft wurden schließlich nicht etwa Bildungsprogramme, um Jugendliche aus rechtextremen Kreisen herauszubekommen oder zu versuchen, diese Strömungen in den betroffenen Regionen abzubauen, sondern das Asylrecht, „weil die Bevölkerung durch den ungebremsten Zustrom von Asylanten überfordert wird“ (Quelle). Kommt einem merkwürdig bekannt vor, oder?

Inzwischen hat sich scheinbar die Rhetorik, aber sonst praktisch nichts geändert. Jetzt nennt man dieses Gefühl „besorgt sein“ und meint damit alle, die damit meinen persönlichen Hassatz des Jahres bemühen: „Ich bin ja kein Rassist, aber…“. Ich frage mich, ob diese Leute das wirklich denken, oder ob ihnen insgeheim nicht doch klar ist, dass sie rassistischen, generalisierenden Müll von sich geben. Aber wahrscheinlich denken jedenfalls die, die Brandsätze auf Häuser werfen, einfach gar nichts.

Ich finde es bemerkenswert, dass permanent ein enormer Beißreflex herrscht, wenn es um die Ostregionen und Nazis geht. Sofort relativieren alle irgendwie ostsozialisierten Leute meines Umfelds, dass SIE ja schließlich nicht dazugehören. Und ich kann sehr gut verstehen, dass man sich distanzieren will von diesem Mob. Nichts anderes mache ich schließlich auch mit diesem Post. Und mich wundert das alles kein bißchen, leider. Allerdings bin ich eben auch mit einem Gefühl der Übergeneralisierung „der Ossis“ aufgewachsen, weil meine Heimatstadt Magdeburg zwar nicht in Sachsen liegt, aber trotzdem leider nicht als besonders gute Adresse für Weltoffenheit und Wilkommenskultur gilt. Ich kann mir gut vorstellen, dass, wer jetzt erzählt, dass er aus Sachsen kommt, sehr wahrscheinlich die gleichen klischeebeladenen Hürden überspringen muss hat, die ich regelmäßig bei jedem Smalltalk antreffe, wenn es um die Herkunft geht.

Hier habe ich schon einmal im Winter zu den Pegida-Demos geschrieben. Ostdeutschland und Neonazis, das war ein altbekanntes Begriffspaar, der Klassennazi ein trauriger Standard, und die Jugendbanden, bei denen man besser die Straßenseite wechselt, eigentlich normal. Zwar gab es rohe Gewalt nicht direkt in meiner Umgebung, aber auf den umliegenden Dörfern, bei Verwandtenbesuchen wurden wir auch angehalten, nicht im Dunkeln rauszugehen. Man weiß ja nie, wen man da trifft. An all das habe ich mich gewöhnt und es irgendwann als lächerlich und vergangen und vielleicht auch irgendwie als Wenderelikt abgetan und gedacht, ich müsste darüber nicht mehr diskutieren. In der Jugendzeit haben wir mit Bands bei Kulturfestivals für Diversität mitgemacht, danach habe ich unter Anderem Geschichte studiert, mich in Akademikerkreisen herumgetrieben und mich darauf verlassen, dass das Internet und die allgemein um sich greifende Globalisierung schon irgendwie den internationalen Geist in die Menschen spülen wird. Jetzt wird mir aber langsam klar, wie naiv ich da rangegangen bin, und ich erschrecke mich jeden Tag.

Es herrscht eine sehr merkwürdige Sprachlosigkeit zu diesem Thema, die sogar Angela Merkels Standardschweigen zu einem neuen Hashtag #merkelschweigt gebracht hat, weil es jetzt doch langsam mal auffällt, dass hier eigentlich schon längst dringendster Gesprächsbedarf herrscht. Und damit meine ich nicht, dass man „die Sorgen der Leute ernstnehmen solle“, wie es Gabriel vor einigen Monaten formuliert hat. Denn das fühlt sich an, als hätten die dort lebenden Menschen tatsächlich einen berechtigten Grund, sich zu sorgen: um ihre Jobs, ihre Zukunft und ihre Absicherungen.

Gucken wir mal, was Louis C.K. dazu sagt:

Einatmen, ausatmen. Ich weiß nicht mehr, ob da noch reden hilft. Nicht reden hilft jedenfalls offensichtlich nicht, genauso wie nicht denken nicht hilft.

Danke für die Aufmerksamkeit.

 

Ach ja, und hier gehts gerne weiter. Also: Kennt ihr das? Habt ihr Ähnliches erlebt? Lasst uns in den Kommentaren diskutieren, woher diese Sprachlosigkeit kommen kann und was man vielleicht dagegen machen kann.

 

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