Fahrrad und Freiheit

von Anne

Einer der größten Unterschiede zwischen den Generationen zeigt sich, wie ich immer mehr feststelle, am Besitzenwollen und Besitzenmüssen oder daran, zu lernen, was wir eigentlich alles nicht brauchen.

An meinem Vater kann ich das gut abgleichen: Für ihn war das Auto schon immer ein Versprechen der absoluten Freiheit – das verlockende Brummen des Motors, der Fahrtwind, der durch das Seitenfenster hineinweht, das satte Gefühl der Reifen auf dem Asphalt, verstehe ich alles. Ein Auto zu bewegen, ist ein mächtiges, geradezu erhabenes Gefühl.

Trotzdem finde ich den Gedanken an ein eigenes Auto sehr oft eher hinderlich – Besitz besitzt, und ein Auto erinnert einen ständig daran, dass es besessen werden will: Tanken, Versicherung, Parkplatzsuche. Wahrscheinlich hat auch schonmal irgendein menschenhassender Wissenschaftler ausgerechnet, wie viel Lebenszeit allein dafür verbraucht wird, durch die Straßen zu kurven und zu fluchen. Mein Vater kann ein Lied davon singen – oder eher: brüllen, denn im Auto flucht er ziemlich oft.

Für mich hingegen ist das Radfahren der absolute Ausdruck von Freiheit: Ich muss mich an keine Fahrpläne halten, (außer vielleicht an meine eigenen Ankunftszeiten), kann mein eigenes Tempo wählen, muss nicht tanken, kann es abstellen, wo ich will und (fast überall) dort entlang fahren, wo es mir gefällt. Und darum ist mein altes, silbernes Herren-Diamantrad mit dem Karl-Marx-Stadt-Aufkleber voiielleicht nicht besonders wertvoll oder schön – es ist sogar ziemlich zerkratzt und leicht angerostet, aber es ist wahrscheinlich eins der wertvollsten Besitztümer, die ich habe.

Vor einem guten Jahr arbeitete ich bereits ein paar Monate in einem neuen Job und war völlig matschig im Kopf, hatte Schlafstörungen und war allgemein total übearbeitet. Da kam es mir sehr gut zupass, dass man ich zu ein paar Tagen Urlaub zwang, bevor die freien Tage verfielen. Und ich wollte raus: weg vom Computer, an die Luft und immer geradeaus. Mein Fahrrad hat mich in nur drei Tagen von Berlin nach Usedom gebracht, und das völlig ohne Vorbereitung. Es war gerade Mitte März und elendig kalt, trotz meiner diversen Schichten Thermoklamotten fror ich, wenn ich anhielt, wie ein Schneider. Also war die Lösung denkbar einfach: Durchfahren, bis es dunkel wurde – in dem Fall also etwa 18 Uhr.

Rad und Pferd (Image by Anne Jerratsch)

Image by Anne Jerratsch

Ich habe wegen des spontanen Aufbruchs zwangsläufig die Risiko-Strategie gewählt: Erstmal fahren, auf keine größeren Reperaturkomplikationen hoffen (ich hatte natürlich absolut kein Werkzeug dabei) und gucken, was kommt. Für planungsliebende Menschen wäre das wahrscheinlich ein Graus, mir machte das aber nichts. Da ich ohnehin meist durch bewohntes Gebiet fuhr, war die Chance, verlorenzugehen, einigermaßen gering. Wenn es Abend wurde, habe ich mir ein Hotel in der Nähe aus dem Internet gesucht und versucht, den Muskelkater, der sich natürlich einschlich, durch heiße Duschen im Zaum zu halten. (was nur mäßig geklappt hat).
Vor Ort musste ich dann natürlich jede Menge Fragen der ungläubig guckenden Hotelbesitzer beantworten: Ja, es ist wirklich noch ziemlich früh für die Tour, nein, ich finde es nicht gefährlich, als Frau allein unterwegs zu sein, und natürlich packe ich mich möglichst gut ein. Kann ich jetzt bitte meine Bratkartoffeln und mein Feierabendbier haben?

Nach drei Tagen Radeln im Trancezustand – ich weiß wirklich erstaunlich wenig von der Fahrt an sich und es gibt so gut wie keine Fotos, was mir sagt, dass ich diese Pause wirklich bitter nötig gehabt habe, weil ich um mich herum kaum etwas wahrgenommen habe – stand ich dann plötzlich am Strand von Binz. Es war bereits vollkommen dunkel und man konnte eigentlich nicht mehr viel vom Meer erkennen, aber hier konnte ich mich das erste Mal seit Monaten wieder länger als 20 Sekunden auf eine einzige Sache konzentrieren: Auf das gleichmässige Rauschen der Wellen, das meine innere Stoppuhr endlich für eine Weile zum Schweigen brachte.

Mehr brauche ich nicht zum Glücklichsein. Ich hoffe, ich komme bald mal wieder vorbei.

P.S.:
Es gibt gerade eine Menge schöner Artikel und Sendungen zum Thema Fahrrad (und Frauen und Feminismus), denn es feiert in diesen Tagen seinen 200sten Geburtstag.

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