Fahrrad und Freiheit II

von Anne



Hatte ich eigentlich erzählt, wie ich vor einer Woche zum Konzert der Band meines Bruders gekommen bin?
Ja, mit dem Rad. Und ja, das ist gerade cool, weil unabhängig, analog, umweltfreundlich et cetera, blabla. Naja, und weil es am Arsch der Heide stattfand. Ich war durch das ganze Computergesitze geistig über- und körperlich ziemlich unausgelastet.
Gute Güte, ich bin erst Anfang 30 und fühle mich, als hätte ich die letzten 17 Jahre in den Säureminen geschuftet. Muss das so? Bleibt das jetzt so?

Also musste her: Ergotherapie plus Abenteuer. Alle Siebensachen auf die Lieblingskrücke gepackt (mehr passte auch nicht drauf) und erstmal in die brandenburgische Nacht gefahren. Ein bisschen mulmig war mir am Anfang schon, vor allem am Stadtrand, wo noch ein paar versprengte Party-Dorfis an mir vorbeihupten. Mein vollgepacktes Rad war schon recht eindeutig nicht nur für den Trip zum Supermarkt vorbereitet. Hatte ich eigentlich irgendwem die Strecke verraten? Mein Bruder hat kein Netz, der Freund muss arbeiten. Der macht sich eh wenig Sorgen bei meinen Touren. Sollte mir DAS Sorgen machen? Wenn ich verloren gehe, wundern sich die Ersten vielleicht so ab sonntag nachmittag, was los ist. Egal, weitertreten. Liegenbleiben ist keine Option.

Die ersten Kilometer gehen ganz gut, ich bin erstaunlich wach. Wahrscheinlich liegt das auch an der brüllend lauten Musik, mit der ich mich antreibe. Dabei schaue ich mir die dunkler werdenden Wälder ab. Fahre durch. Auf den Ohren: Korn, mit gruseligen Chören und komischen Effekten. Kann ich für den Wald nur so mittelmässig empfehlen. Genau wie Kurzgeschichten von Stephen King. Der Nervenkitzel ist da – aber anhalten, nach der richtigen Weggabelung suchen, ist kaum möglich, ohne dass ich Blicke in meinem Rücken zu spüren meine. Oder überzeugt bin, dass neben mir etwas im Gebüsch raschelt und mich gleich packt. Was ist das eigentlich für eine bescheuerte Idee?

Die Sonne geht unter und ich fahre an riesigen Feldern mit Landmaschinen vorbei. Ich habe wenig geschlafen und keine richtige Zeit zum Essen gehabt, aber ein Bier im Gepäck. Für einen kleinen fröhlichen Schwips reicht das, es dämpft auch das Getriebenheitsgefühl. Sehr gut. Idyllisch ist es auch. Noch habe ich die romantische Idee einer ausgewachsenen Stadtpflanze, in einem Gasthof einzukehren – bis zum Bruder sind es noch mindestens sechs Stunden Wegstrecke. Aber ich vergesse: Ich bin in Brandenburg. Hier ist einfach nix. Die Abenteuerlust, mit der ich losgefahren bin, wird mit fortschreitender Uhrzeit etwas schal. Gut, denke ich mit der pragmatischen Seite meines Hirns, dann habe ich mein Einmann-Zelt eben völlig zu Recht eingepackt. Ich bin ja festivalerprobt und eh ein Improvisationstalent, das wird! Ein bisschen mulmig ist mir trotzdem.

Ich fahre langsamer und suche nach einem geschützten Ort, wo ich mich niederlassen kann. Gar nicht so einfach, hier ist tatsächlich alles durchindustrialisiert. Alle paar hundert Meter ist ein umzäuntes Feld (Stromzäune!), dazwischen merkwürdige Winzorte. Ich kann mich ja schlecht bei den Dorfbewohnern in den Vorgarten legen. Mittlerweile ist es nach elf – klingeln und um Erlaubnis fragen fällt wohl eher aus.

Schliesslich finde ich eine wenig befahrene Strasse, neben der hohe Hecken stehen. Dahinter: Ein sauberer, wenig begangener Fussweg neben einem Feld. Wo sind nochmal die Wölfe? Hoffentlich haben die sich einen anderen Teil von Brandenburg ausgesucht. Ich hieve mein Rad über den Strassengraben, stelle es halb versteckt in das Gebüsch und mache mich an die Arbeit.

Schliesslich steht das Zelt und sieht original aus wie aus dem Lustigen Taschenbuch. Ich versuche, es mir bequem zu machen. Es ist nicht kalt, aber mein Schlafsack wird viel zu dünn sein. Eigentlich weiss ich das seit Jahren, aber bereits damals habe ich mir geschworen, nie wieder zu zelten. Wozu überteuertes Equipment kaufen, das man eh nicht nutzt? Konnte ja keiner ahnen, dass es mich zu so einem Trip treibt. Am wenigsten ich selbst. Ich habe die ganze Chose erst am Nachmittag beschlossen. So bin ich halt: Spontan und stur, da braucht jetzt auch keiner rumheulen. Ein bisschen stolz bin ich ja doch auf meine Spontaneität.

So romantisch, wie ich es mir eingeredet habe, ist es allerdings dann doch nicht. Der Sternenhimmel sieht kaum anders aus als in der Stadt. Und überall Mücken. Ich muss also mein Zelt geschlossen halten und alles töten, was sich summend nähert. Irgendwann schlafe ich bei Fahrradlampenlicht über meinem Buch ein. Zum Glück habe ich gar keine Zeit, mich zu gruseln.

Ich würde mich nicht unbedingt als zimperlich beschreiben, aber wer mehrmals die Nacht aufwacht, weil die Füsse SO SO kalt sind, der darf auch am nächsten Tag etwas maulig sein. Vor allem, wenn die lebensrettende Dusche fehlt. Ich fühle mich ein bisschen, als hätte ich etwas Verbotenes getan. Oder zumindest etwas Anrüchiges. Wäre das etwas Anderes gewesen, wenn ich nicht allein auf dem Feld übernachtet hätte? Als ich die Reifen auf den Asphalt setze, kehrt das Abenteuergefühl unvermittelt zurück.

Die Kilometer schleichen trotzdem. Nachmittags ein lang anhaltender, fieser, feiner Nieselregen. Nicht genug zum Aufgeben, nicht so wenig, um ihn zu ignorieren. Durchnässt setze ich mich in eine Bushaltestelle und suche im Internet nach einer Abkürzung. Pech gehabt, hier gibt es nichts, friss oder stirb. Noch dazu macht mein Akku langsam schlapp. Die Powerbank, die ich vorsorglich mitgenommen habe, ist schon leergesaugt. Also weiter. Hilft ja nix. Zum Aufgeben bin ich zu stur. Dann klart es plötzlich auf und ich trockne beim Fahren. Ich fühle mich ziemlich frei.

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